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Zum Tour de France-Start 2017: Radsportjournalist und Buchautor Jürgen Löhle im Interview: „Der Grand Départ in Düsseldorf ist der absolute Höhepunkt in der deutschen Tour-Historie“

Die Tour de France. Radsportliche Legende. Skandale ohne Ende. Das härteste Rennen der Welt. Der Mythos lebt und er hat über den diesjährigen Start in Düsseldorf hinaus noch weitere deutsche Komponenten.

In dem Buch „Die Tour de France – Deutsche Profis und ihre Erfolge“ nähert sich Radsportjournalist Jürgen Löhle dem bedeutendsten Radrennen der Welt aus deutscher Sicht. Und das meint, aus einer nicht ganz alltäglichen Warte. Bekanntlich spielt Deutschland bei der Tour eher eine Nebenrolle. Doch fallen einem sogleich die großen Ausnahmen ein. Sie in den Fokus zu stellen, ist einer der Verdienste des Buches. Der andere besteht darin, dass es zugleich an jene deutschen Anteile an der großen Schleife erinnert, die das Radsportgedächtnis nicht unbedingt parat hat. In einem Interview erläutert Löhle, welche Bedeutung der Tour-Start in Düsseldorf für den Radsport in Deutschland hat und welche Chancen er den deutschen Fahrern bei der diesjährigen „Großen Schleife“ einräumt.

Herr Löhle, welche Bedeutung hat der Tour de France-Start in Düsseldorf Anfang Juli für den Radsport in Deutschland insgesamt?

Wenn eine deutsche Stadt mehr als 10 Millionen Euro in die Hand nimmt, um so ein Ereignis auszurichten, ist das ein klarer Beweis dafür, dass der Radsport nach den vielen Dopingskandalen in der jüngeren Vergangenheit wieder auf einem guten Weg ist, zu alter Stärke zurückzukehren. In den 1990er-Jahren in der Ära Jan Ullrich und  Erik Zabel zählte der Radsport hinter Fußball, Tennis und Formel 1 schließlich zu den ganz großen Sportarten in Deutschland.

Wann war Deutschland zum ersten Mal in der Geschichte Ausgangspunkt der TdF?

Die TdF wurde 1903 in Frankreich gegründet und hatte zunächst mit Deutschland überhaupt nichts zu tun. Vor dem Zweiten Weltkrieg fuhr das Rennen ausschließlich in Frankreich. Den ersten Kontakt mit Deutschland hatte die Tour 1964, als eine Etappe in Freiburg enden konnte. Man hat sich also damals ein kleines Stückchen über den Rhein getraut aber nicht so wirklich nach Deutschland hinein. Die Etappe hat damals übrigens nicht Rudi Altig gewonnen, er wurde Zweiter. Aber er übernahm seinerzeit in Deutschland das Gelbe Trikot des Führenden. Das war ein riesiges Fest. Und wenn man bedenkt, dass die Stadt Freiburg 1964 für dieses Spektakel 15.000 Deutsche Mark bezahlen musste, dann sieht man, welche Entwicklung das Rennen seit damals genommen hat.

Ein Jahr später startete die Tour dann zum ersten Mal in Deutschland, damals in Köln. Unter dem Segen von Josef Kardinal Frings ging es auf die Strecke. 1980 war Frankfurt Startort in Deutschland. Ein wirklich bemerkenswertes Grand Départ fesselte die Radsportwelt 1987 in Berlin, damals noch die geteilte Stadt. Christian Prudhomme, der heutige Tour-Chef, hat gesagt, dass man seinerzeit auch über den Sport der Berliner Mauer ein paar kleine Risse hinzufügen konnte, die dann zwei Jahre später tatsächlich fallen sollte. Das heißt, die Tour hat seit 1964 in Deutschland schon so einiges erlebt, aber ich denke, der Grand Départ in Düsseldorf in diesem Jahr wird ein absoluter Höhepunkt in der deutschen Tour-Historie werden.

Stichwort sauberer Radsport: Wird die TdF 2017 von Dopingfällen überschattet sein?

Ausschließen kann man sowas nie. Man kann nur hoffen, dass es nicht der Fall ist. Fakt ist, seit der Hoch-Zeit der Doper, der Ära Armstrong, in den Jahren 2008 und 2009, musste man davon ausgehen, dass jedes Jahr neue Enthüllungen kommen. In den letzten Jahren ist es aber ruhig geblieben. Was wohl zum einen daran liegt, dass noch strenger kontrolliert wird. Zum anderen mag es daran liegen, dass es eine gewisse Einsicht bei vielen Fahrern gegeben hat, den Sport nur retten zu können, in dem man ihn sauber macht. Es wäre allerdings eine Illusion zu glauben, dass hier alle Profis, die an den Start gehen, sauber sind. Das wird mit Sicherheit nicht der Fall sein. Es gibt heute so intelligente Dopingmaßnahmen, wie niedrig dosiertes Epo, die kaum nachzuweisen sind und mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nach wie vor von dem einen oder anderen Sportler eingesetzt werden.

Ich bin überzeugt, dass die Tour insgesamt mittlerweile eine relativ saubere Veranstaltung ist. Die Dimension, als saubere Fahrer in der Minderheit waren, diese Phase ist überwunden. Ich denke, dass tatsächlich die Mehrheit mit legalen Mitteln diese Tour bestreitet. Aber Ausnahmen wird es immer geben. Im Übrigen wie in jedem Spitzensport dieser Welt.

Welche Chancen räumen Sie den deutschen Fahrern bei der diesjährigen "Großen Schleife" ein?

Große Chancen. Seit 2013 haben deutsche Fahrer 20 Etappensiege errungen. Die letzten Jahre gewannen André Greipel und Marcel Kittel regelmäßig Sprintetappen in großer Zahl. Tony Martin war beim Zeitfahren sehr erfolgreich, Simon Geschke in den Bergen. Wir haben mit Emanuel Buchmann einen jungen Mann, der im Gesamtklassement reüssieren kann, unter die Top 15 fahren kann und in den Bergen auch schon Großes gezeigt hat. Das heißt, Deutschland ist seit 2013 wieder eine Macht bei der Tour de France. Für die diesjährige Tour rechne ich mit einem starken Prolog von Tony Martin gleich zu Beginn in Düsseldorf. Es ist ein flacher, kurzer Kurs, das könnte ihm liegen.

Er hat zwar im vergangenen Jahr die ganz großen Zeitfahrergebnisse nicht einfahren können, aber er ist mehrfacher Weltmeister im Zeitfahren und wird sich natürlich sehr auf diesen Prolog fokussieren. Man kann außerdem in der ersten Woche mit André Greipel und Marcel Kittel rechnen. Ich bin auch gespannt auf Emanuel Buchmann, der mit dem Team Bora-hansgrohe jetzt wirklich eine Weltklassemannschaft an seiner Seite hat. Sie werden nicht nur für ihn fahren, sondern vor allem für Weltmeister Peter Sagan. Simon Geschke wird sicher in den Bergen für Furore sorgen.

Also ich denke, das könnte eine sehr erfolgreiche Tour aus deutscher Sicht werden. Was Deutschland noch fehlt, ist der Mann, der wirklich um den Tour-Sieg mitfahren kann. Da gab es seit Jan Ullrich eigentlich keinen einzigen ernsthaften Kandidaten mehr. Und es ist im Moment auch niemand da, der in den nächsten zwei bis drei Jahren gewinnen könnte. Aber nochmal: Mit unseren deutschen Sprintern, Zeitfahrern und Allroundern - natürlich nicht zu vergessen John Degenkolb, der auf nahezu jedem Terrain (außer im Hochgebirge) mal eine Etappe gewinnen kann - sind wir sehr gut aufgestellt. Wir können mit breiter Brust zur Tour de France fahren und hoffen, dass sich dort ähnliche Erfolge wie in den Jahren 2013, 2014, 2015 und 2016 einstellen werden. Und vielleicht sogar ein bisschen mehr als im vergangenen Jahr, als es „nur“ für zwei Etappensiege gereicht hat.

Hinzu kommt noch, dass wir auch zwei Teams dabei haben, die unter deutscher Flagge  starten: das Team Bora-hansgrohe, mit Peter Sagan als Spitzenfahrer und Emanuel Buchmann. Und das Team Sunweb, das mit  dem Niederländer Tom Dumoulin den Giro d’Italia 2017 gewinnen konnte.


Das Interview kann ganz oder teilweise honorarfrei veröffentlicht werden, sofern dies im Zusammenhang mit einer Erwähnung von Buch und Verlag geschieht. Das Buch „Die Tour de France – Deutsche Profis und ihre Erfolge“ von Jürgen Löhle ist im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro.

Die digitale Cover-Abbildung finden Sie unter www.delius-klasing.de oder Sie schreiben eine E-Mail an: c.ludewig@delius-klasing.de Jürgen Löhle steht auch für weitere Interviewanfragen zur Verfügung. Bei Interesse wenden Sie sich einfach an Christian Ludewig (Telefon: 0521 / 55 99 02).