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30 Jahre BIKE: Interview mit Uli Stanciu, Erfinder des ersten Mountainbike-Magazins in Europa

„Es war, als würde das Fahrrad neu geboren“

Europas erstes Mountainbike-Magazin BIKE feiert in diesen Tagen seinen 30. Geburtstag. Am 5. Mai 1989 erschien die erste Ausgabe zu der bis dahin in Europa noch relativ unbekannten Trendsportart. Am 2. Mai 2019 kommt BIKE mit einem dicken Jubiläumsheft in den Handel. Auf 48 Sonderseiten blickt die Redaktion darin auf die Highlights aus drei Jahrzehnten Mountainbike-Historie zurück. Einer, der die Anfänge des Mountainbikes in Deutschland intensiv begleitet und aktiv mitgestaltet hat, ist Uli Stanciu. Er gilt als einer der Väter des Mountainbikes in Europa, ist Erfinder des BIKE-Magazins und wurde 2015 in die „Mountainbike Hall of Fame“ aufgenommen. Im Interview zum 30. BIKE-Geburtstag berichtet der heute 71-Jährige, wie er seine Idee von der ersten Mountainbike-Zeitschrift Europas verwirklichen konnte und warum das Mountainbike für ihn damals revolutionär war.

1. Lieber Herr Stanciu, wann und wo sind Sie mit dem Thema „Mountainbiken“ zum ersten Mal in Berührung gekommen?

Das erste Mountainbike meines Lebens sah ich 1985 beim Windsurfing-Worldcup auf Sylt, wo ich als Chefredakteur der Zeitschrift SURF tätig war. Der Schweizer Surf-Weltmeister Karl Messmer hatte ein Mountainbike aus Amerika mitgebracht und war damit in Neoprenanzug und Hawaii-Schlappen von seiner Unterkunft an den Strand geradelt. Als Journalist war ich darauf gedrillt, Neues sofort zu erkennen – und das hier stach direkt als völlig neues Fahrradkonzept ins Auge: Die dicken Stollenreifen, der robuste Rahmen, der gerade Lenker, die drei Kettenblätter vorne, große Ritzel hinten. Klar, dass ich dieses neue Sportgerät sofort ausprobieren wollte. Das Wort „Jeep-Fahrrad“ schoss mir durch den Kopf. Schon der erste kurze Test war bewusstseinserweiternd. Doch neben den Fahreigenschaften und der Hardware gab es einen weiteren Grund, der mir das Mountainbike auf Anhieb sympathisch machte: Das Mountainbike verkörperte von Anfang an progressives Denken.

2. Kann man sagen, dass Sie den Mountainbike-Sport durch Ihre Magazin-Idee in Europa beflügelt haben?

Ja, absolut. Das Mountainbike kam zwar aus Kalifornien, aber das BIKE-Magazin war der Trendverstärker in Europa. Wir haben nicht nur die wichtigen und notwendigen Informationen – Test, Technik, Kaufberatung, Fahrtechnik und Revierberichte, also den ganzen Verbraucherservice gebracht, sondern vor allem auch die Faszination transportiert. Mit unseren Fotos, den Reportagen und unserer damals sehr modernen Grafik haben wir die Leser begeistert, wir haben sie mitgerissen. Dazu kamen dann nach kurzer Zeit die Events, erst die Leser-Testwochen, dann die BIKE Festivals und schließlich auch die BIKE Transalp Challenge. Mit diesen Events wollte ich den Lesern nicht nur schön bedrucktes Papier im Magazin liefern, sondern auch echtes Erlebnis, das man nur bei uns bekam. Dadurch hat sich die Leser-Blatt-Bindung enorm verstärkt.

3. Was hat Sie damals ermutigt, dass der Zeitpunkt, eine eigene Zeitschrift über sogenannte „Stollenräder“ auf den Markt zu bringen, absolut reif war?

Mein Job als Chefredakteur von SURF nahm mich damals voll ein. Das Jahr 1986 ging dahin, das Thema Mountainbike betrachtete ich interessiert aus der Ferne. Es war ein Anruf im Frühling 1987, der das Feuer in mir erneut entfachte. Klaus Stanner, ein alter Bekannter von mir, damals Geschäftsführer des Olympia-Sporthauses in Garmisch, berichtete mir, dass die amerikanischen Soldaten immer mehr Bikes mit nach Garmisch gebracht hätten. Sie würden damit in der Gegend rumfahren, und das Interesse der Leute würde stetig wachsen. Er spüre das deutlich in seinem Laden. Und dann sagte er in seinem kernigen Bayerisch: „Uli, wirst sehen, das Thema boomt demnächst. Da braucht’s a Zeitschrift, so eine wie Dein SURF-Magazin“.

Als Journalist ist man von Beruf neugierig, Neuem gegenüber aufgeschlossen und möglichst ohne Vorurteile. Also fuhr ich nach Garmisch und brach mit einem nagelneuen Bike direkt von seinem Laden aus zu meiner ersten Mountainbike-Tour auf. Diese Räder würden boomen, dachte ich. Sie gaben uns eine neue Freiheit. Plötzlich war jeder Waldweg, jeder Trail wie eine Spielwiese. Man konnte viel steiler bergauf und viel sicherer bergab fahren als mit jedem anderen Fahrrad. Mir wurde klar, dass dieses Gerät nicht nur mich, sondern auch viele andere Sportler überzeugen würde – wobei ich natürlich zunächst überwiegend an die Surfer bei Flaute und die Skifahrer im Sommer dachte.

4. Bevor die erste BIKE im Frühjahr 1989 am Kiosk liegen konnte, mussten Sie erst die Geschäftsführung des Delius Klasing Verlags von Ihrem Magazin-Konzept überzeugen. Wie wurde Ihre Idee aufgenommen?

Das war im Herbst 1987. Ich fuhr nach Bielefeld in die Verlagszentrale. Es gelang mir offensichtlich, mit einem engagierten Vortrag bei einigen ein Feuer zu entfachen. Ich sah immer mal wieder ein Kopfnicken oder ein Blitzen in den Augen. Bei diesem Meeting entwickelte ich auch schon meine Vorstellungen zum möglichen Namen der neuen Zeitschrift: Analog zu „SURF“ sollte sie „BIKE“ heißen. Vier Buchstaben. Kurz, knapp, griffig. Einen spontanen Entschluss konnte ich da natürlich nicht erwarten. Es ging um große Investitionen. Man darf dabei nicht außer Acht lassen, dass der Delius Klasing Verlag zu jener Zeit ein erfolgreicher Wassersport- und Automobil-Verlag war, das Thema „Radsport“ zählte aber noch nicht zum Themenportfolio. Der heutige Verleger Konrad Delius war damals gerade erst in die Geschäftsführung des Familienunternehmens eingestiegen, war von meiner Magazin-Idee jedoch sehr angetan. Als dann im Frühsommer 1988 die Entscheidung im Verlag fiel, dass wir ein Mountainbike-Magazin auf den Markt bringen, zunächst vier Ausgaben im ersten Jahr, hatte das in erster Linie mit meinem Fürsprecher Konrad Delius zu tun.

5. Mit welchen Themen haben Sie das bereits vorherrschende Informationsbedürfnis der aktiven Biker in Deutschland befriedigt?

Die Menschen spürten damals, dass nicht Geld reich macht, sondern das Erlebnis. Und genau zu diesem Erlebnis wollte ich einen Anstoß liefern, eine Anleitung bringen: Zeitschriften, die faszinierten, informierten und motivierten. Ich schickte für die Premierenausgabe unseren Redakteur Uwe Geißler zu den Urvätern des Mountainbikes nach Amerika. Er sollte Gary Fisher, Joe Breeze und Greg Kelly in San Francisco besuchen und mit ihnen eine Story über die Anfänge des Mountainbikes produzieren. Der gleiche Redakteur sollte seinen Rückflug nach Europa über Japan buchen und eine Geschichte über den Komponentenriesen Shimano mitbringen. Darüber hinaus führten wir am Gardasee mit 29 Rädern größten Bike-Test der Welt durch, stellten die schönsten Routen in Deutschland, Österreich und Südtirol vor, berichteten von den spannendsten Wettkämpfen der Saison und porträtierten aktuelle Top-Fahrer, wie den damaligen Weltmeister John Tomac aus Kalifornien.

6. Wie lauteten die ersten Reaktionen auf das BIKE-Magazin, konnten Sie Ihre gesteckten Ziele erreichen?

Die erste Ausgabe war auf Anhieb ein Riesenerfolg. Das Heft war nicht nur gespickt mit wertvollen Informationen zu Test, Technik und Kaufberatung, sondern transportierte vor allem das Lebensgefühl dieser Zeit: Freiheit, Naturerlebnis, Gesundheit, Speed, Spaß. Und dann diese Fotos: Spektakulär, grandios, begeisternd. Es war, als würde das Fahrrad neu geboren. Die vier Ausgaben des BIKE-Magazins im Jahr 1989 verkauften sich sensationell gut. Hatte das erste Heft eine verkaufte Auflage von gut 36.000 Exemplaren, so legte die zweite auf 45.000 zu, die dritte auf 54.000 und die vierte erreichte sogar fast 70.000 verkaufte Exemplare. Ich war zwar von Anfang an von einem Erfolg überzeugt, aber so extrem hatte ich es mir nicht einmal in den kühnsten Träumen vorgestellt.