Schrauben Schlafen Surfen - ein Rückblick -

Nach Mekka

Über drei Jahre ist es her, dass ich in Tarifa meine Bullitour ideel beendet hatte - dem Kitesurf Mekka.

Sparsam wie ich bin, gönne ich mir nur einen Fiat 500 als Mietwagen und mache mich auf den Weg von Sevilla gen Mekka. Das Directional Board knapp im Nacken- die Karre ist echt zu mini für den Sport. Zur Rechten heißt mich der überdimensionale Stier vom Berg aus willkommen. Langsam kommen die Erinnerungen wieder, an die Stierstatue, die Straße; ich wähle Jules Ahoi auf Spotify und genieße die Erinnerung. Ähnlich wie vor drei Jahren ist Wind und ich bin wieder heiß ohne Ende- muss direkt erst mal aufs Wasser. Der Levante bläst moderat- ideal für Valdevaquieros, Heimat der berühmten Schweinewiese, wo ich damals stand, wo ich Julie kennengelernt hatte. Ob sie noch als illegaler Stützpunkt der ganzen Weltenbummler und Tagediebe fungiert?

Die erste Kitesession fühlt sich wieder an, wie eine Ode an die Freiheit- gegen  Konventionen, geschlossene Schuhe und Räume- ein „Ja“ zum Leben. Langsam entfalten sich die Ryainair verstauchten Lebensgeister wieder. Es ist bereits früher Abend. Je tiefer die Sonne steht, umso mehr genieße ich das Licht, das glitzern des Wassers, welches fast hypnotisierend meinen Sehnerv stimuliert. Knapp vor Sonnenuntergang finde ich mich mit einem Bier in der Hand im warmen Sand wieder. Die Szenerie ist entspannt wie damals;  entspannte Menschen räumen glücklich ihre Kites zusammen, eine Gruppe Pferde trabt am Strand entlang. Die Sonne blinzelt ein letztes Willkommen in meine Richtung, eh sie hinter der kleinen Landzunge verschwindet.

Immer noch verteilen sich Grüppchen von Campern wild auf den Parkplätzen und entlang der Wege. Viele abgerockte Wohnmobile mit ebenso verzottelten Besitzern und ein paar modernere Bullis und Womos, die aus Kostengründen oder Individualdrang nicht auf einen Campingplatz wollen. Meine Welt war diese überzivilisierte Form auch nie. Ich gönne mir den heutigen Tag für einen ausgedehnten Erkundungsspaziergang; erstes Ziel: Schweinewiese. Der Platz wird durch große Steine versperrt. Ein aufgeschütteter Parkplatz ebnet den Weg zu der Stelle, wo einst die abgerockte Strandbar stand. Sie ist einer überdimensionalen, modernen Bar mit Kitestation gewichen- Bibo. Wo 2016 noch das teuerste Gericht bei 4,20 Euro lag, kann der verdiente Gast sich ein T-Bone Steak für 42 Euro gönnen. Ich parke den Fiat und mache mich auf zu einem Barfußspaziergang entlang der Landzunge. Immer weiter zieht es mich in die Stille, die nur das Meeresrauschen brechen darf. Hier ganz hinten läuft eine nahezu perfekte Surfwelle- zwei Surfer haben den Weg auf sich genommen und ernten gerade den Lohn. Ich suche mir eine windgeschütze Bucht, setze mich in den warmen Sand und lasse meine Gedanken über den weiten Horizont des Atlantik fliegen. Es ist schön, wieder hier zu sein.

Take Away

Die häufigste Frage am Ende meiner Lesungen lautet: „Welche drei Schlüsselerkenntnisse hast Du in den Alltag herüber gerettet?“

Minimalismus: Es braucht so wenig um glücklich zu sein. Gut, ein restaurierter T2 ist schon eine ganze Menge und auch recht Dekadent. Aber weder ein fester Stellplatz, noch viele Klamotten oder doll zu Essen sind erforderlich, um glücklich zu sein. Ich weiß jetzt, dass ich mit ganz wenig Geld zufrieden sein kann- ganz im Gegensatz zu den Maximen, die uns die Konsumwelt täglich souffliert. Je weniger ich dabei habe, umso freier fühle ich mich.

Freiheit: Dieser unbeschränkte Luxus, einfach in den Tag hinein leben zu können. Die ersten Wochen noch mit einem recht hohen Stresslevel- alles will geplant sein- dann, so nach sechs Wochen in einer minimalistischen Zufriedenheit den Tag genießen und sich über jede Blüten entlang des Wegesrandes zu erfreuen. Auf Menschen zuzugehen, egal, wie sie aussehen, drauf sind oder woher sie kommen. Einfach der Einklang mit der Umwelt als höchstes Ziel welches ich seitdem fortwährend anstrebe.

Eigenständigkeit: Ich kann und muss mich Nichts und Niemandem unterordnen. Mit zwei gesunden Händen bin ich jederzeit in der Lage, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Für das Leben gibt es keine Garantie und keine Sicherheit. Und auch die Absicherung eines Großunternehmens ist ein trügerischer Schein, sofern die Umstände und Zwänge eher krank als sicher machen. Und so bin ich heute jederzeit bereit, zu gehen, wenn es mir zu blöd wird oder ich mich nicht mehr wohl fühle. Für meine Form von Glück braucht es so wenig.

Ich sehe in diesen Erkenntnissen das wichtigste Ergebnis der Reise. Wer mir sagt, dass er sich so eine Auszeit nicht leisten kann oder mich fragt, wie ich es finanziere, hat den Wert der Freiheit nicht erkannt. Es reichen drei Monate, ein kleiner, alter Bus und ein paar Taler. Wesentlich höher ist die Hürde, es einfach zu tun; alles Gewohnte zurück zu lassen und loszufahren, auf ins Ungewisse- das war der größte Kraftakt meiner Reise.

Und nu?

Die ersten Tage zurück im Job schmerzen gewaltig. Jeden Zelle fühlt sich gefangen, die Sonnenstrahlen draußen locken erbarmungslos, wenn dann noch Wind aufkommt, wird es unerträglich. Wieso habe ich wieder in der alten Firma angefangen- keine Lernkurve?

Ich habe auf meiner Reise viele „Privatiers“ kennengelernt. Menschen, die entweder schon genug Kohle auf der hohen Kante haben oder mit extrem wenig auskommen. Tauschen wollte ich mit keinem von denen- sooo glücklich schienen sie nicht. Bietet der Job doch einen Rhythmus und Erlebnisse, die zum Überleben in der Zivilisation erforderlich sind. Wer nichts zu erzählen hat, passt nicht in die zivilisierte, erfolgsverwöhnte Welt der Großstädte. Folglich horten sich die „Untätigen“ an Orten wie hier in Tarifa oder führen -wenn übermäßig Geld da ist- ein wohlstandsverwahrlostes Leben unter Gleichgesinnten. Beides sind keine Option für mich, denn ein Tag und auch ein Leben brauchen Sinn. Ziel sollte es folglich sein, einer Tätigkeit nachzugehen, die sinnvoll ist und Spaß macht. Frei nach dem alten Buddenbrock: „Verrichte Deine Geschäfte stets so, dass Du des Tages mit Freude bei der Arbeit bist, aber des Nächtens gut schlafen kannst.“

Selbständigkeit klingt für freiheitsliebende Menschen zunächst nach der besten Option. Aber wie heisst es: selbst und ständig- da ist es wohl wieder nichts mit der angestrebten Freiheit. Klar geworden ist mir, dass ich eine Tätigkeit haben muss, die mir Spaß macht. Nie möchte ich lustlos die Tage bis zum Renteneintrittsdatum zählen, welches mir einmal im Jahr per Post zugestellt wird. Ich denke, ich werde immer arbeiten wollen, aber so, wie es mich erfüllt. Im Büro? Kein Plan- wenn, dann nur in einem wirklich schönen Büro mit empathischen Menschen.

Und wenn es nicht läuft? Dann werde ich gehen, das weiß ich inzwischen gewiss. Steve Jobs, Richard Branson und wie die ganzen Selfmade Milliardäre heißen postulieren immer, dass man sofort den Job wechseln sollte, sobald es drei Tage in Folge keine Freude bereitet. So impulsiv wäre ich nicht, zumal jeder zunächst prüfen sollte, ob die schlechte Stimmung tatsächlich auf den Job zurück zuführen ist oder ob das ein oder andere private Initial Schuld ist. In diesem Fall würde eine Übersprungshandlung im Job das letzte stabilisierende Moment vernichten.

Für mich persönlich habe ich die maximale Leidensperiode auf drei Monate festgelegt. So lief es, direkt nach dem Wiedereintritt ins Berufsleben in 2017. Ich wusste genau, wie die Aufgabe auszusehen hat, die mich erfüllen würde (hatte schließlich genug Zeit, darüber nachzudenken)  und war entschlossen genug, hinzuwerfen, wenn sich dieser Zustand nicht binnen drei Monaten einstellen sollte. Mit dieser Erkenntnis würde ich auch heute jederzeit wieder weiterziehen, wenn sich am Ende der Frist keine befriedigende Perspektive abzeichnet.

„Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“