Hafenmanöver für Einhandsegler

An Bord gibt es so viel zu tun, dass jedes Paar Hände zusätzlich einen gewaltigen Unterschied ausmacht. Und als Einhandsegler haben Sie all diese Aufgaben sogar noch aus eigener Kraft zu bewältigen. Warum es sich trotzdem lohnt, sich auch als Anfänger mit Einhand-Techniken zu beschäftigen und wie Sie einhand die wichtigsten Hafenmanöver bewältigen, erkläre Buchautor Duncan Wells in diesem Artikel.

Warum jeder Segler Einhand-Techniken beherrschen sollte

Jedem, der sich ernsthaft dem Segeln verschrieben hat, rate ich Einhand-Praktiken zu üben, denn so sicher, wie das Amen in der Kirche ist, wird man sich eines Tages allein an Bord befinden.

Nur wer allein zurechtkommen kann, muss sich nicht sorgen. Einhandsegeln bedeutet autark zu sein, das Boot in jeder Situation zu beherrschen, ohne sich dabei auf die Hilfe anderer verlassen zu müssen. Wie viel leichter und angenehmer wird es dann auch später erst, andere miteinzubeziehen, denn Einhand-Techniken zu beherrschen, bedeutet nicht unbedingt, allein an Bord zu sein. Es erlaubt aber, dass sich der Partner um die Kinder unter Deck kümmern kann, ein Essen zubereiten kann, dass wir allein klarkommen, wenn die Crew seekrank ist oder sich nach großer Anstrengung ausruhen möchte.

An- und Ablegemanöver finden immer unter Beobachtung statt

Welches Manöver kommt einem als erstes in den Sinn? Richtig, das An und Ablegen. Hier starten wir mit unseren Einhand-Techniken. Diese Manöver finden natürlich immer unter allgemeiner Beobachtung statt, denn selbst wenn die Marina völlig verwaist erscheint, so muss nur irgendetwas schiefgehen und ringsum tauchen Köpfe aus Niedergängen auf, Fender werden eiligst klargemacht, um das eigene Boot vor der um sich greifenden Gefahr zu bewahren, zu der Sie selbst geworden sind.

Als erstes gilt: Nicht laut werden, niemanden anschreien, nicht unnötig Vollgas oder wie wild Bugstahlruder geben. Wer plötzlich Bordwand an Bordwand an seinem Nachbarn liegt, sollte beide Boote mit einer kurzen Leine mittschiffs verbinden, damit der Tidenstrom das eigene Boot nicht weiter abtreiben lässt und so tun, als wäre alles in bester Ordnung und als hätte man absolute Kontrolle.

Als zweites gilt: Auf die richtige Vorbereitung kommt es an. Und damit die gelingt, zeige ich Ihnen nun einige hilfreiche Hafenmanöver zum Ablegen und Anlegen für Einhandsegler.

Ablegen mit einer umgelenkten Bugleine

Video-Transkription:

Hier dampfen wir rückwärts in die umgelenkte Bugleine ein. Um abzulegen lassen wir die Maschine auf Rückwärtsfahrt, nehmen das lose Ende der umgelenkten Bugleine von der Winsch ab und slippen sie, indem wir am stehenden Ende anziehen. Und wir sind frei – alles vom Cockpit aus.

Vorbereitung

Wie bereitet man das vor? Okay, wir führen eine Leine vom Cockpit innerhalb der Wanten nach vorn zum Bug und legen sie um die Bugklampe. Bitte denken Sie daran, wir bereiten diese Leine im Moment nur vor und prüfen dann, ob sie uns beim Eindampfen auch sicher am Steg hält, bevor wir die regulären Festmacher abnehmen.

Jetzt führen wir sie hier am Steg um eine Klampe nahe beim Bug herum. Dann bringen wir sie mittschiffs wieder zurück an Bord. Diese umgelenkte Leine wird jetzt an der Cockpitwinsch belegt. Wenn ich das mit dem Spinnakerfall mache, ist es lang genug, aber diese Dyneemaschoten hier sind zu kurz. Deshalb muss ich zwei aneinander knoten.

Leinen festmachen

Ich mache einen Palstek  am Ende der einen Leine, nehme die andere Leine, stecke das Ende durch und mache nochmal einen Palstek. Diese Verbindung  muss am stehenden Ende liegen und bleibt an Bord. Jetzt kann ich hier im Cockpit an einem stabilen Punkt festmachen. Manche Boote haben mehrere Winschen, andere haben nur die Genuawinschen und wenige Belegmöglichkeiten. Hier haben wir deshalb einen Palstek ans Ende einer Spischot gemacht und über die Winsch gelegt. So ist das stehende Ende festgemacht. Das lose Ende haben wir dann ebenfalls auf der Winsch belegt. Beachten Sie, dass der Schnappschäkel am stehenden Ende sein muss. Das lose Ende, das wir slippen wollen, darf keinen Schäkel oder Augspleiß haben, damit es nicht hängenbleiben kann.

Ich spanne unsere Leine mit der Winsch. Jetzt muss ich mit der Maschine Schub zurückgeben und überprüfen, dass das Boot an unserer Leine stabil gehalten wird, bevor ich die Festmacher abnehme. Ich lasse die Maschine nur im Standgas auf Rückwärtsfahrt laufen, das genügt unter diesen Umständen.

Weg vom Steg

Jetzt geht es los. Man sieht, wie die Vorspring bereits entlastet wird. Ich nehme einen Festmacher nach dem anderen ab. Die umgelenkte Bugleine hält den Bug sicher am Steg, nur das Heck könnte bei starkem Wind vom Steg abgetrieben werden. Oder wenn man rückwärts gegen den Strom liegt, das könnte das Heck ebenfalls vom Steg abdrücken.So, das war die Achterspring, jetzt werde ich den achternen Festmacher etwas fieren, um zu sehen, ob das Heck vom Steg wegwandern möchte. Der Radeffekt versetzt das Heck bei Rückwärtsfahrt zusätzlich nach Steuerbord. Es passiert aber nicht viel. Also, ich ziehe das Boot etwas zum Steg, steige an Bord und wir legen ab. Ich nehme das lose Ende der umgelenkten Leine von der Winsch ab und hole sie vom stehenden Ende her ein, während wir rückwärts ausfahren. Und das ist schon alles.

Ablegen bei stärkerem Wind

An diesem Tag hatten wir etwas mehr Wind, der uns vom Steg abhielt. Deshalb haben wir eine Heckleine auf Slip ausgebracht, um uns am Steg zu halten. Meine Tochter Ellie übernimmt die Heckleine, während ich die umgelenkte Bugleine slippe. Sobald die Heckleine los ist, nehme ich die umgelenkte Leine von der Winsch ab und hole sie am stehenden Ende ein und wir fahren aus der Box. Hier sehen wir das Manöver von Bord aus. Wie gesagt hatten wir an diesem Tag eine Heckleine auf Slip ausgebracht, um das Heck am Steg zu halten. Ellie slippt die Heckleine, doch wenn ich allein wäre, würde ich selbst erst die Heckleine und dann die umgelenkte Bugleine slippen. Sie hat die Heckleine gelöst, ich nehme die umgelenkte Leine von der Winsch ab und hole sie vom stehenden Ende her ein und wir legen ab. Man beachte, dass das stehende Ende an der Winsch belegt wurde und nicht an einer Klampe oder einem anderen Befestigungspunkt im Cockpit.

Die Leine fällt beim Slippen ins Wasser, aber das passiert mittschiffs oder weiter vorn. Ich glaube wirklich nicht, dass sie irgendwie in den Propeller geraten könnte, auch nicht bei einem Saildrive. Dazu ist sie nicht lang genug und wir verkürzen sie ja sofort, indem wir sie stetig einholen.Und das ist alles. Bei stark abhaltendem Wind gibt man zunächst mehr Schub zurück, um das Heck am Steg zu halten. Sollte das nicht genügen, setzt man eine Heckleine auf Slip. Die Leinen können auf jeder Yacht vom Cockpit aus geslippt werden.

Anlegen mit einer umgelenkten Heckleine

Video-Transkription:

Nun wollen wir an einem Steg anlegen und dabei eine umgelenkte Heckleine einsetzen. Das ist eine handfeste Methode, mit der man immer sicher und kontrolliert an einem Steg anlegen kann, ohne Durcheinander und ohne vom Boot zu springen. Sie ist bestens geeignet für kleine Crews und Einhandsegler. Ich nenne sie die Giles-Methode, denn Giles von Ocean Adventures Sailing hat sie mir gezeigt.

Boot stoppen, Leine auswerfen

Hier zeigen uns Giles und Pauline wie mühelos der Einsatz einer umgelenkten Heckleine ist. Giles stoppt das Boot. Sobald das Boot zum Stillstand gekommen ist, wirft Pauline die umgelenkte Heckleine über die erste Klampe am Steg. Wie man sieht, war Giles nicht einmal ganz am Steg. Das ist auch gar nicht nötig. Er hat das absichtlich gemacht, um uns zu zeigen, wie gut diese Methode funktioniert. Giles gibt Schub voraus und das Boot legt sich wunderbar längseits an den Steg. Fertig.

Bei ablandigem Wind hätte Giles etwas mehr Schub gegeben, um das Boot längseits zu halten.Ich habe zuvor gesagt, diese Methode sei ideal für kleine Crews und Einhandsegler, aber es spielt eigentlich gar keine Rolle, wie viele Personen an Bord sind, für mich ist das einfach die beste Technik um anzulegen, ich verwende sie ständig.

Boot festmachen

Während das Boot in die umgelenkte Heckleine eindampft und sicher längseits liegt, können Giles und Pauline von Bord steigen und die regulären Festmacher und Springs ausbringen. Früher habe ich immer eine Spring mittschiffs verwendet, wenn ich einhand angelegt habe, bis mir Giles diese Methode gezeigt hat. Mit einer Spring bleibt weniger Raum für Fehler, denn man muss nahe an die Klampe herankommen, um die Schlaufe der Spring darüber zu legen. Die umgelenkte Heckleine kann man dagegen aus größerer Entfernung über die Klampe werfen.

Hier ist das Manöver in perfekter Ausführung zu sehen - sollte es auch, denn es ist windstill und der Strom ist nur ganz schwach. Wir nähern uns dem Liegeplatz, vier Fender sind an Backbord auf Höhe des Stegs ausgebracht und zwei an Steuerbord. Die Fender an Steuerbord sind auf gleicher Länge festgemacht, wurden aber unter dem unteren Relingsdraht durch, und dann über den oberen Relingsdraht gehängt, sodass sie die Deckskante an Steuerbord schützen, nur für den Fall, dass wir abtreiben und an dem Nachbarboot landen.

Langsam dem Liegeplatz nähern

Wir nähern uns langsam dem Liegeplatz im Standgas und kuppeln dann den Propeller aus, um stetig, aber nicht zu schnell zu fahren. Kurz bevor wir gleichauf mit der ersten Klampe am Steg sind, geben wir Schub zurück und stoppen auf. Genau so. Sobald das Boot aufgestoppt ist, kuppelt man den Propeller aus, bevor man mit der umgelenkten Heckleine aus dem Cockpit steigt, um sie über die Klampe am Steg zu werfen. Dann holt man die Leine dicht und gibt etwas Schub voraus. Durch Ruderlage und die Motordrehzahl kann man das Boot parallel zum Steg ausrichten. Wenn das Boot sicher längseits liegt und während es in die Heckleine eindampft, steigt man auf den Steg und bringt die regulären Festmacher aus.

Vorbereitung der Heckleine

Zur Vorbereitung müssen wir die umgelenkte Heckleine von einem Punkt mittschiffs zu einem Punkt am Heck oder beim Cockpit führen. Ein Ende der Leine muss fest belegt werden, das andere geben wir auf eine Winsch. Nachdem wir die Leine über die Klampe geworfen haben, müssen wir die Lose einholen. Es macht keinen Unterschied welches der Enden fest belegt wird.

Auf ELINOR ist die Leine achtern fest belegt und wird mittschiffs an einem Block umgelenkt, der an den Püttingen befestigt ist, und von dort wird die Leine zu einer Cockpitwinsch zurückgeführt. Auf QUINTESSENCE ist die Leine mittschiffs an einem D-Ring festgemacht. Auf der LAYLA ANN wurde die umgelenkte Heckleine mit einem Palstek über die Winsch gelegt, dann durch die Mittschiffsklampe und wieder zurück zur Winsch geführt.

Denken Sie daran, wo immer Sie die Leine achtern wieder an Bord führen, dieser Punkt wird zum Schluss gleichauf mit der Klampe am Steg liegen. Deshalb ist es ratsam, die umgelenkte Heckleine zuerst mit dem Boot am Liegeplatz auszumessen. Würden wir die Leine zu einer Heckklampe führen, würden wir vorn mit dem Bug bereits anstoßen. Deshalb führen wir sie hier direkt zur Cockpitwinsch.

Ist die Leine vorbereitet, darf sie nicht gespannt werden, sondern muss genug Lose haben, um sie über die Klampe zu werfen. Wir legen diese ganze Lose über die Reling und zur Sicherheit ins Cockpit. Auf der CAPRICE ist die umgelenkte Heckleine an einer Heckklampe belegt, führt nach vorn zum Block auf der Genuaschiene, dann außen herum zurück zu einer Cockpitwinsch. Damit nichts über Bord fallen kann, ist die Leine mit einem Straßenräuberstek an der Reling gesichert, der sich mit einem Ruck lösen lässt. Alles muss sorgfältig vorbereitet sein, denn es ist unbeschreiblich peinlich, wenn die Leine dichtkommt und plötzlich über anstatt unter der Reling durchführt.

Leine über die Klampe werfen

Ist alles gut vorbereitet, steuern wir den Liegeplatz an, stoppen das Boot, werfen die Leine über die Klampe, holen sie dicht und geben Schub voraus. Wir brauchen etwas mehr Motorkraft, wenn der Wind das Boot vom Steg wegdrückt. Man kann auch durch die Ruderstellung den Winkel des Bootes zum Steg ändern. Wenn wir sicher längseits liegen, steigen wir von Bord und machen mit den regulären Festmachern fest. Und das ist alles. So können wir in der Box anlegen und genauso an einem langen Steg.

Wir können die Leine aus einiger Entfernung werfen. Man kann die Klampe auch mal verfehlen. Hier bleibt genug Zeit für einen zweiten Versuch. Ich hole die Leine ein und werfe nochmal.

Hier habe ich das Horn der Klampe verfehlt, aber ich kann die Leine noch darüber flippen. Dann gebe ich etwas Schub und das Boot legt sich behutsam an den Steg. Hier in Cherbourg haben wir 20 Knoten Wind. Ich verfehle die Klampe und werfe nochmal. Das ist besser, und jetzt treibt uns der Strom zurück, aber wir geben Schub, holen gleichzeitig die Leine dicht und kommen längseits.

Ein anderes Mal versuche ich zu zeigen, wie weit entfernt man sein kann, um die Klampe gerade noch zu erwischen, aber ich bin zu weit weg und treibe ab. Also breche ich das Manöver ab, drehe eine Runde und versuche es nochmal. Hier saust DOROTHY LEE mit einem Affentempo durch den Hafen. Und jetzt klappt es. Na also, schon besser.

Vorteile dieser Technik

Ich zeige das alles, um zu demonstrieren, wie zuverlässig eine umgelenkte Heckleine ist, um an den Steg zu kommen. Dabei muss man gar nicht so nahe an den Steg manövrieren und kann dennoch eine Leine über die Klampe werfen. Mit einer einfachen Spring müsste man viel näher an den Steg, um sie über eine Klampe zu legen.

Normalerweise tritt an den Klampen keine besonders große Last auf. Stoppt man das Boot nahe am Steg, entsteht nur ganz geringe Last. Mit mehr Abstand zum Steg und einem abhaltenden Wind kann die Last an der Leine etwas größer sein. Wichtig dabei ist, das Boot zuerst aufzustoppen oder wenigstens nahezu zum Stillstand zu bringen. Eine umgelenkte Heckleine oder eine einfache Spring ist niemals dazu geeignet, die Fahrt des Bootes abzubremsen.

Das ist die Sicht von Bord aus. Wir sind immer noch in Cherbourg bei auflaufender Tide und 20 Knoten Wind, der uns vom Steg abtreiben lässt. Wir legen gegen den Strom an.

Wir sind fest…dichtholen…Schub voraus. Immer wenn ich einkupple, hört man ein lautes Klacken. Das ist so laut, man hört es meilenweit. Aber das macht es erst, seit das Getriebe repariert wurde. Das kann doch nicht richtig sein. Der Mechaniker sagte mir, das sei ganz normal und würde sich nach einer Weile legen. Das war vor acht Jahren. Wie lang ist denn „eine Weile“? Die lachen sich doch einen Ast. Aber gehalten hat es wenigstens schon seit acht Jahren…

Nachdem ich hier auch meine Missgeschicke gezeigt habe, als es beim ersten Mal nicht gleich geklappt hat, kommt jetzt nochmal ein tadelloses Anlegemanöver. So klappt es in der Regel immer, wenn man es nicht gerade vorführen möchte.

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